Führungsstärke muss wachsen dürfen
Das eigene Handeln reflektieren. Jeden Tag neu. Das ist starkes Führungstraining.
Es ist 7:15 Uhr, der Frühstücksservice läuft, die Gästegruppe kommt früher als erwartet. Ein Teammitglied hat sich krankgemeldet, die erfahrenste Frühstücksservicekraft betritt tiefenentspannt mit 15 Minuten Verspätung den Saal. Am Buffet ist Stau, die neue Frühstücksköchin ist den ersten Tag im Einsatz und spricht kaum Deutsch. Der junge Oberkellner überblickt irritiert die Situation - schon kommt der Reiseleiter, der „nur kurz“ mit der Chefin sprechen will, warum seine Gruppe so lange warten muss.
Willkommen im echten Führungsalltag. Genau in diesen Momenten beginnt Führung von Neuem – und das jeden Tag.Viele unterschätzen, dass Führung kein einmal aufgestelltes Regelwerk ist, sondern ein lebendiger Prozess, der in jeder Schicht, bei jedem Mitarbeiterwechsel und mit jeder neuen Herausforderung wieder beginnt.
Führung will gelernt sein
Fachliche Kompetenz ist wertvoll – doch wer ein Team führen möchte, braucht mehr als Wissen aus der Berufsschule oder
dem Studium. Führung ist eine Fähigkeit, die sich entwickelt, indem man sie bewusst trainiert. Dazu gehört vor allem die Bereitschaft, das eigene Handeln zu reflektieren: Welche Werte treiben mich an? Wie wirke ich auf mein Team? Wo liegen meine Stärken, und wo muss ich mich entwickeln? Nur diese ehrliche Auseinandersetzung schafft langfristig die Authentizität, die Mitarbeitende spüren.
Selbstführung als Fundament
Ein Team gut zu führen gelingt nur, wenn man sich selbst gut führen kann. Gerade in der Hotellerie, wo der Druck hoch ist und die Taktung eng, ist ein klarer innerer Kompass entscheidend. Das bedeutet: eigene Ressourcen kennen, Grenzen setzen und Prioritäten klug wählen. Wer sich selbst stabil hält, kann auch in stressigen Momenten ruhig und lösungsorientiert bleiben – und das Team mitziehen.
Der persönliche Führungsstil
Kein Führungsstil ist kopierbar. Young Leaders tun gut daran, ihren eigenen Weg zu finden – zwischen klaren Ansagen und offenen Ohren. Reflexion hilft dabei ebenso wie das Vertrauen ins Team. Wer Mitarbeitenden zutraut, Verantwortung zu übernehmen und gleichzeitig den Rahmen klar setzt, schafft Motivation und Loyalität.
Führung als täglicher Lernprozess
Ein Fortbildungstag ist ein guter Start, aber er macht niemanden „fertig“ zur Führungskraft. Führung hört nicht nach dem Seminar auf, sondern lebt im Alltag – beim morgendlichen Briefing, in Feedbackgesprächen oder wenn sich ein Konflikt andeutet. Jede neue Mitarbeiterin, jeder neue Kollege bringt frische Dynamiken, die es zu erkennen und zu gestalten gilt.
Mitarbeiterreife erkennen
Nicht alle Mitarbeitenden brauchen dasselbe Maß an Anleitung. Während der erfahrene Chef de Rang vor allem Freiraum schätzt, braucht der junge Commis noch klare Vorgaben. Wer die Mitarbeiterreife erkennt, kann passgenau unterstützen – und so nicht nur die Leistung, sondern auch die Motivation steigern.
Ein Buddy macht den Unterschied
Besonders in der Anfangszeit hilft es enorm, einen Sparringpartner zu haben – idealerweise einen erfahrenen, seriösen Leadership-Coach, der zuhört, hinterfragt und ehrliches Feedback gibt. So ein Rückhalt im Hintergrund bietet Raum für Reflexion, hilft blinde Flecken zu erkennen und stärkt das Vertrauen in die eigenen Entscheidungen.
Vom Young Leader zur Führungspersönlichkeit
Hotellerie lebt von Menschen – von ihren Ideen, ihrer Energie und ihrem Zusammenspiel. Junge Führungskräfte, die bereit sind sich weiterzuentwickeln, schaffen Teams, die nicht nur funktionieren, sondern gemeinsam wachsen. Und das beginnt, jeden Tag und immer wieder, mit der Entscheidung, bewusst zu führen.
Autorin: Andrea Bertagnolli-Windstoßer, Team- und Leadership-Coach, Meran