Wie sollen sie sonst gut arbeiten? (Part 2)
Als Führungskraft ist man in einer Sandwich-Position. Darüber stehen die Chefitäten, darunter die Mitarbeitenden,
plastisch gesprochen. Wie haben Sie Ihre Rolle gefunden?
Angerer: Man muss sich mit den Chefitäten absprechen. Im Übrigen aber durften wir viel selbst bestimmen, die Hierarchieebene war flach. Wenn es Schwierigkeiten gab mit einem Mitarbeiter, habe ich versucht, das in meiner Abteilung zu klären. Nur bei groben Verstößen habe ich den Chef eingeschaltet. Natürlich waren wir im Führungsteam nicht immer derselben Meinung wie die Chefs, Reibereien wurde dann in den Führungsmeetings besprochen, und außer Diskussion stand, dass wir alle gemeinsam das Beste für das Unternehmen wollen. Aber wir wollten immer verstehen, warum ein Thema auf den Tisch kommt.
Herr Feichter, wie langwierig sind Entscheidungsprozesse im Team? Frau Angerer hat gesagt, allein beim Salatbuffet
hat man über ein Jahr diskutiert. Kann man so arbeiten?
Feichter: Gewisse Entscheidungen trifft man schnell. Das Salatbuffet aber ist eine Wahnsinnsentscheidung. Wir leben von unseren Stammgästen, da muss jede Veränderung behutsam sein. Wir zum Beispiel streichen jetzt das Salatbuffet sukzessive, erst einen Tag in der Woche, dann langsam zwei und mehr. Wahrscheinlich brauchen wir länger als das Gerstl, bis das Salatbuffet weg ist. Generell gilt: Man darf nicht schwerfällig sein, trotzdem soll man sich für die grundlegenden Entscheidungen Zeit nehmen.
Müssen Sie auch Entscheidungen mittragen, von denen Sie nicht überzeugt sind?
Feichter: Für mich dreht sich alles um die Frage: Wird das Wohlbefinden der Gäste durch eine Entscheidung beeinträchtigt? Wenn wir eine Entscheidung treffen zum Nachteil des Gastes, dann wird es bei mir schwierig. Aber sonst kann ich gut nachgeben. Ich bin selbstkritisch, ich bin kritikfähig und habe auch kein Problem damit, Fehler einzugestehen. Das ist für mich nicht Schwäche, sondern Größe.
Herr Profanter, überlegen Sie, sich im Alpen Tesitin zu bewerben? Gefällt Ihnen, was Sie hören?
Profanter: Ja, ich bin verleitet, auf jeden Fall. Ich habe schon in einigen Betrieben gearbeitet, und dort hat mir genau dieser
Ansatz gefehlt. Deswegen sage ich: Hut ab! Das ist so, wie man es in der Schule lernt. Ein Vorzeigemodell.
Feichter: Nein, ich bin noch nicht zufrieden. Mein Ziel ist es, keinen einzigen Mitarbeitenden zu verlieren. Von 108 Mitarbeitenden wechseln in der nächsten Saison zwei. Das ist mir schon zu viel. Alle sagen, bist du verrückt? Natürlich sind das junge Leute, die mal einen anderen Betrieb sehen möchten. Und ich verstehe auch: Wenn 108 Menschen zusammenarbeiten, ist die Welt nicht immer rosarot. Deshalb investieren wir viel in die Art und Weise, wie wir Konflikte
ausräumen. Eben nicht immer mit der Geschäftsführung und den Führungskräften, sondern auch untereinander. Es braucht Feingefühl, da können wir noch besser werden.
Wo funktioniert Mitbestimmung? Und wo sagt man: Nein, da können nicht alle mitreden.
Angerer: Schwierig wird es aus meiner Sicht bei strategischen Entscheidungen oder bei der Preisgestaltung. Das kann man nicht im ganzen Team besprechen. Bei operativen Zielen, da kann auch das Team mitbestimmen.
Strategie ist also Chefsache, aber wie bleibt man überhaupt Chef, wenn alle mitreden?
Feichter: Gewisse Entscheidungen sind von der Geschäftsführung zu treffen. Es hat z. B. keinen Sinn, wenn man mit
dem Serviceteam die Preisentwicklung des Hotels bespricht. Also, Preis, Kennzahlen und Auslastung, Wareneinsatzkosten,
Mitarbeiterkosten, das ist Chefsache.
Herr Profanter, darf man über einen Chef abstimmen? Was lernen Sie darüber?
Profanter: Den Chef stürzen, das wird wahrscheinlich schwierig. Dann wechselt man lieber das Haus. Für mich gibt es Themen, wie die Abläufe, wo es super ist, wenn man mitbestimmen darf. Tabu für mich ist, mitzubestimmen, wie viel ich verdiene, wie viel der neben mir verdient. Ich habe gemerkt, dass es deswegen in Betrieben immer wieder zu Streitereien kommt.
Wie schnell spricht sich in Südtirol herum, da ist gut, da ist nicht gut arbeiten.
Angerer: Ja, unter Kolleginnen und Kollegen wird darüber schon gesprochen. Da wird dann erzählt von Betrieben, wo es keine Mitarbeitergespräche gibt, keinen Buddy, der neue Mitarbeitende an die Hand nimmt. Das ist schade, weil man im
persönlichen Gespräch sehr schnell merkt, wie es jemandem geht. Man kann fragen: Gibt es Punkte, die wir verbessern
können? Oder wo würdest du dich besser sehen im Betrieb? Wenn man Mitarbeitern Empathie entgegenbringt, ist es viel
einfacher, einen Mitarbeitenden zu halten.
Herr Profanter, wenn man mitbestimmen darf, darf man dann überhaupt noch kündigen?
Profanter: Das ist eine interessante Frage. Ich glaube, man will gar nicht kündigen. Wenn man die Chance bekommt, dass man mitbestimmen darf und sich im Betrieb nach oben arbeiten kann, dann ist das wirklich eine tolle Arbeitsstelle.